Der Frieden ist (k)ein roter Ball

Wie kann man Frieden transportieren?

Das Wort Transport kommt aus dem Lateinischen, trans-portare, und bedeutet soviel wie (hin)überbringen, -tragen. Jeden Tag transportieren wir etwas. Überlegen Sie einmal, was Sie gestern alles transportiert haben. Was ist das erste, das Ihnen in den Sinn kommt? Vielleicht waren Sie einkaufen und haben dabei unter anderem eine Kiste mit leeren Wasserflaschen zum Supermarkt gebracht und eine neue, volle wieder mitgenommen. Sind Sie zu Fuß gegangen oder sind Sie mit dem Auto gefahren? Ich stelle mir das ungefähr so vor: Zuerst haben Sie alle leeren Flaschen zusammengesucht, die noch nicht in der Kiste waren, und sie dazu gestellt, um möglichst eine volle Kiste Leergut abgeben zu können. Dann haben Sie die Kiste mit den Händen in den Fahrstuhl gestellt, um hinunter zu fahren. Später haben Sie die Kiste, wieder mit den Händen, in den Kofferraum ihres Autos getragen und sie zum Supermarkt gefahren. Dort angekommen haben Sie die Kiste in den Einkaufswagen gehoben und haben ihn zum Automaten für das Leergut geschoben, um sie dort abzugeben. So oder so ähnlich wird es wohl gewesen sein. Und so oder so ähnlich bringen wir täglich Dinge von einem zum anderen Ort. Einfach nur, weil wir sie woanders haben wollen, als sie gerade sind. Und nun denken Sie einmal an den Anfang des gestrigen Tages zurück.

Ich nehme an, Sie haben sich nach dem Aufstehen angezogen. Vielleicht haben Sie sich vorher geduscht, ihre Zähne geputzt und andere Dinge getan, die Sie eben morgens tun, aber irgendwann werden Sie sich angezogen haben, denn die wenigsten Menschen laufen nackt herum. Eine Unterhose, Unterhemd, Hose, zwei Socken, vielleicht einen Pullover, nach Belieben Schmuck und vielleicht auch Make-up oder eine Uhr. Alles Sachen, die Sie gewöhnlich mit sich tragen. Alles Dinge, die Sie den ganzen Tag von einem zum anderen Ort bringen. Nicht in erster Linie, weil Sie sie woanders haben wollen, wie bei dem Beispiel mit der Wasserkiste, aber dennoch transportieren Sie Ihre Kleidung gewissermaßen selbstverständlich mit sich herum. Vielleicht können uns diese Beispiele helfen über die Frage nachzudenken, ob man Frieden transportieren kann. Einen Gegenstand von A nach B zu bringen, egal ob bewusst oder unbewusst, ist Alltag für die Menschen. Da Frieden wohl kein Gegenstand ist, hilft dieses Beispiel in dieser Hinsicht nur wenig. Ich will noch einmal auf Ihre Kleidung zurückkommen. Stellen Sie sich nun vor, Sie haben sich einen neuen Mantel gekauft. Es handelt sich um ein, sagen wir – gewagtes Modell – das nicht jeder tragen würde. Dieser Mantel hat ein auffälliges Muster, in leuchtenden Farben und er macht Sie schlicht fröhlich, weil Sie schon immer ein solches Kleidungsstück besitzen wollten! Wieder starten Sie in Ihren Tag, aber diesmal dulden Sie Umwege – ja, Sie suchen sie sogar. Sie wollen Ihren Kauf zur Schau stellen und tragen ihn stolz und glücklich. Bewundernde Blicke schmeicheln Ihnen. Desinteresse oder gar ablehnende Blicke beachten Sie nicht! Sie fühlen sich gut, Sie fühlen sich schön, das ist das, was Sie ausstrahlen, was Sie nach Außen transportieren. Dieses Gefühl, diese Freude ist natürlich kein Objekt, welches von A nach B soll, aber es ist stark an ihr neues Kleidungsstück gekoppelt. Ein Gegenstand kann also ein Gefühl auslösen. Kann ein Gegenstand Frieden auslösen? Ist Frieden ein Gefühl?

Mitte 2009 bin ich von Hamburg nach Berlin umgezogen. Beim Einpacken der Dinge aus meinem Atelier, fielen mir die Plastikkapseln wieder in die Hände, die ich damals für den Automaten gebraucht hatte. Es waren über eintausend Kapseln. Genau eintausend davon habe ich rot bemalt und mit dem Wort „Frieden“ beschriftet. Nun ist die Kapsel selbst zum Ball geworden. In seinem Inneren findet man einen der bereits bekannten Zettel aus der ersten Version der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“. Ich sprach mit einer Künstlerin aus Hamburg über die so entstandenen Bälle. Sie schien von der Gegebenheit, dass ich eintausend Kapseln bemalte, angetan. Ihr erschien es wie eine Obsession, der ich unterlag. Sie meinte, ich sollte den Prozeß filmen, wie ich die Bälle erstelle und diese Handlung durch den Film hervorheben. Ich selbst halte das nicht für angebracht. Ich unterlag auch keinerlei Zwang die Kapseln zu bemalen. Ihre Bemerkung zu meiner Arbeit wirft eine weitere Frage auf: Kann man, sollte oder darf man Frieden erzwingen? Nun war ich also Eigentümer von tausend rot bemalten, mit „Frieden“ beschrifteten Bällen, ohne vorerst den Wunsch oder Zwang, zu spüren weitere zu produzieren. Zudem wollte ich den Fokus der Aufmerksamkeit auf die Frage, wie man Frieden transportieren kann, lenken. Hierzu dient mir nun ein eigenwilliges Mittel der Briefbeförderung, das ich bereits 2002 für die Arbeit „Das Flaschenpost – Kunst – Experiment“ verwendet habe – die Flaschenpost. Ich habe bereits 51 Flaschen mit jeweils einem der Bälle bestückt und dann in die Spree geworfen. In jeder Flasche steckt zusätzlich folgender Brief, der mit dem aktuellen Datum, einer Nummer und meiner Unterschrift versehen ist:

Lieber Finder, Sie haben soeben eine Flaschenpost gefunden, die ein Teil der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ ist! Eine Frage der Arbeit lautet: Wie kann man Frieden transportieren? Haben Sie eine Antwort auf diese Frage? Weitere Informationen zu dem Projekt finden Sie im Inneren des mitgeschickten Balls!

Dear Finder, You have just found a message in a bottle, which is part of the project „Peace is a and no red ball“! One question of the project is: How can peace be conveyed? Do you have an answer to this question? Please find further information about this project inside the enclosed ball!

Flaschenposten Nr. 42 - 51

Ich schätze die Langsamkeit der Flaschenpost und die Tatsache, dass ich nicht wissen kann, wer sie bekommen wird und ob sie überhaupt Beachtung findet. Seit dem 21.11.09 werfe ich von Zeit zu Zeit weitere Flaschenposten in die Spree. Die hier abgedruckten Briefe zeige ich, ohne die vollständigen Namen der Absender zu nennen. Wenn Teile der Briefe nicht abgedruckt sind, zum Beispiel Privatadressen, ist dieses mit einem solchen Zeichen […] gekennzeichnet! Am 12.12.09, um 17:25 Uhr, habe ich eine Antwort per e-Mail erhalten:

Hi Steve, mein Name ist J. T. und ich bin ein gluecklicher Finder einer deiner Flaschen. Ich lief heute am Kanal im Wedding als ich deine Flasche treiben sah, ich war mit einer Bekannten unterwegs und sofort setzte sich eine panikhafte Suche (mit viel Geschrei) nach einem langen Ast ein. Nach 10 Minuten dann hatten wir sie sicher an Land gebracht. Es ist die Flasche no° 10 und sie ist mein schoenstes Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr !!!!!! Ich habe frueher in London und Paris gelebt und bin auch Kuenstler, lustiger Weise habe ich auch oft Flaschenposts und „Mailart“ verschickt – heute aber bin ich in erster Linie Hundemaler. Hier meine Website […]. Ein tolles Projekt das ich im Auge behalten werde! Liebe Gruesse J. T.

Ich habe mich sehr über diese Antwort gefreut, obwohl der Inhalt der e-Mail frei von Versuchen ist die Frage zu klären, wie man Frieden transportieren kann. Die Formen, die meine Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ annimmt, sind eher leise als laut, sie sind eher langsam als schnell. Und dennoch scheint sie, zumindest in Teilen, die Kraft zu haben „mit viel Geschrei“ wahrgenommen zu werden. Wie laut muss ein Mensch nach Frieden schreien, um ihn zu bekommen? Kurz darauf schrieb mir auch die in der e-Mail erwähnte Bekannte von J.T. eine Nachricht via facebook:

Hello Steve, I just wanted to say thank you to you for your project, “Der Frieden est (k)ein roter Ball“. I was visiting a friend in Berlin this weekend and we found one of your bottles floating in the canal yesterday morning (my last day in Berlin). We were so excited to see a message in a bottle and euphoric when we finally managed to catch the bottle! I think the project is a beautiful idea, and I love that you helped to spread it with messages in bottles and that we were lucky enough to find one. Thank you for helping make a magical ending to a beautiful weekend in Berlin (and for helping me make the decision to move there next summer, it’s a “wunderbar“ city). Best wishes for peace and a lovely holiday from a Scottish girl in Paris, J. P.S. I’m sorry this message is in English but I don’t yet speak German but hope to learn soon!

Antworten wie diese entschädigen mich für die zuweilen einsamen Stunden in meinem Atelier.

Am 18.01.10, um 11:51 Uhr bekam ich folgende e-Mail:

Hallo Herr Meyer, wir vom Historischen Hafen, konkret unser R. R., hat schon drei ihrer Flaschenposten eingesammelt. Zwangsläufig treiben ihre Friedensbotschaften in den http://www.historischer-hafen-berlin.com<http://www.historischer-hafen-berlin.com/> und wir erfreuen uns daran. Bälle selber gestaltet und weiterverschenkt haben wir allerdings noch nicht, kann ja noch werden. Vor mit liegt der letzte Fund: Flaschenpost Nr. 15, vom 28.11.09. Aber für diese Aktion sagen wir „Danke“. Mit freundlichen Grüßen I. R.

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