Der Frieden ist (k)ein roter Ball

Was ist Frieden?

Ich bin lange nach dem Krieg in Hamburg geboren und kann sagen, dass ich in Frieden aufgewachsen bin. Jedenfalls wenn man Frieden als Abwesenheit von Krieg versteht. In der Schule hat man uns über die Deutsche Geschichte aufgeklärt. Mehr noch, wir haben uns auf vielfältige Weise mit ihr auseinandergesetzt. Wir haben Fakten besprochen und versucht, etwas zu verstehen, was nicht zu fassen ist. Wir haben Theaterstücke inszeniert, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und den Folgen auseinandersetzten. Wir haben diskutiert. All die Dinge, die Menschen anderen Menschen im Krieg angetan haben und für die es keine geeigneten Worte gibt, habe ich nie erleben und erleiden müssen. Das macht mich dankbar. Und ich nehme diese Tatsache nicht als selbstverständlich hin. Es gibt ein Bewusstsein in mir, dass es ähnlich, zumindest ähnlich grausam, wieder werden könnte. Die Abwesenheit von Krieg ist etwas, das es zu pflegen gilt. Ich kann nicht sagen, dass mein bisheriges Leben zu jeder Zeit friedlich verlaufen ist, obwohl ich bisher keinen Krieg erleben musste. Unfrieden, durch körperliche oder seelische Gewalt zwischen zwei Menschen oder einer kleineren Menschengruppe, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit die meisten Menschen miterlebt. Zumindest aber werden wir zwangsläufig zu Beobachtern von Unfrieden und sogar Krieg vermittelt durch die Medien. Um die Frage, was Frieden wirklich bedeutet, weiter zu beleuchten, kommen wir auch nicht drumherum über den eigenen Frieden mit uns selbst nachzudenken. Beachten wir die einzelnen Punkte dieser Überlegungen und wie sie miteinander verknüpft sind, so verlangt die Frage „Was ist Frieden“ einige Mühen von uns ab. Ich bin Künstler, kein Philosoph und auch kein Friedensforscher. Ich versuche auf meine eigene Art und Weise einen Raum für dieses Thema zu schaffen. Ich glaube daran, dass die Suche nach Antworten auf die genannten Fragen genauso wichtig sein kann, wenn nicht sogar wichtiger, als eine eindeutige Antwort darauf zu finden. Die Antworten mögen von der Zeit und der jeweiligen Gesellschaft abhängig sein, in der man sich gerade befindet und sind so, unterschiedlichen Bewertungen ausgeliefert; eine Gesellschaft ohne Fragen aber, kann nur eine armselige sein, unabhängig von Zeit und Ort. Die Notwendigkeit zu jeder Zeit Fragen, den Frieden betreffend, zu stellen und nach Frieden zu streben ist daher eine große.

Nach einigen Versuchen im Vorfeld ist im Juni 2005 die erste Version der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ entstanden. Damals wusste ich noch nicht, dass weitere Versionen folgen würden. Immer noch angetrieben von der Idee, dass man sich Frieden zuspielen kann wie einen Ball wollte ich dazu auffordern, eben dieses zu tun! Und sich gleichzeitig mit dem Thema Frieden zu beschäftigen. Was ich mir nun vorstellte, war eine Art Zufallsgenerator, der es ermöglichte, dass Menschen mit meiner Idee konfrontiert wurden, ohne, dass ich selbst diese Personen auswählen musste. Es galt eine leise, unaufdringliche Form für meine Idee zu finden. Mir kam in diesem Zusammenhang ein Kaugummiautomat in den Sinn. Ein Automat, wie ich ihn aus meiner eigenen Kindheit her kannte. Welch Freude es war, für kleines Geld am Automaten zu drehen, ohne zu wissen, was er mir geben würde. Nach einiger Recherche war ein Mann gefunden, der mir eben so einen Automaten verkaufte mit dazu passenden Plastikkapseln. In die Kapseln legte ich kleine Schlüsselanhänger, die ich zuvor in mühevoller Atelierarbeit hergestellt hatte. Eine volle Ladung für den Automaten umfasste rund einhundert Kapseln. Das hieß für mich, einhundert Holzkügelchen mit einer kleinen Kette und einem Schlüsselring zu versehen – der kniffeligste von allen Arbeitsschritten. Dann den Ball zweimal rot lackieren, mit dem Wort „Frieden“ beschriften und abschließend noch einmal mit Klarlack behandeln. Fertig! Zu dem Anhänger legte ich einen Zettel, auf dem folgender Text stand:

Was ist Frieden? Wie kann man Frieden transportieren? Kann man Frieden kaufen? Kann man Frieden aus Automaten beziehen? Wer oder was hat die Möglichkeit Frieden zu geben? Das Experiment: Nehmen Sie einen Ball und malen Sie ihn rot an. Es ist nicht wichtig, was für einen Ball Sie nehmen. Tischtennisbälle, Fußbälle, Bälle aus Leder, Holz oder Kunststoff – Hauptsache rund! Schreiben Sie in einer Sprache Ihrer Wahl „Frieden“ auf den roten Ball und schenken Sie ihn einer Person, mit der Sie Frieden schließen wollen oder der Sie Frieden wünschen. Bitten Sie die beschenkte Person, das Experiment selbst zu versuchen.

Schlüsselanhänger aus dem ersten Friedensautomaten

Ich sehe diese Aktion als ein Experiment an! Und in gewisser Weise ist der vorliegende Text eine Art Zwischenbericht über den bisherigen Verlauf des Experimentes. Erstmals habe ich den Automaten bei der „Kunst Meile“ in Hamburg der Öffentlichkeit vorgestellt. Einer der Besucher äußerte sich enttäuscht bis entsetzt darüber, dass man eine Zwei-Euro-Münze in den Automaten stecken musste, um an eine der Kapseln zu kommen, mit den Worten: „Das ist ja kommerziell!“ An diese Reaktion muss ich manchmal heute noch denken. Nach dieser ersten Präsentation hatte der Automat seinen Bestimmungsort bekommen. Er hing nun zwei Jahre an der Außenwand meines damaligen Ateliers in Hamburg St. Georg, das sich im Erdgeschoss zur Strasse hin befand. Es wurden rund dreihundert Kapseln, aus ihm gekauft. Dazu kommen weitere Kapseln, die ich vielfach verschenkt habe, wann immer ich es für angemessen hielt. Von Zeit zu Zeit kamen Leute in das Atelier und befragten mich zu meiner Arbeit.

Ein Besucher erzählte mir, dass er zum wiederholten Male Kapseln gekauft hatte. Ihm gefiel die Arbeit offensichtlich. Er sagte mir, dass er die Kapseln gern weiter verschenke. Natürlich freute es mich, dass ihm meine Arbeit etwas bedeutete, dennoch war da auch ein Gefühl von Unbehagen in mir. Es war offensichtlich, dass er sich die Kapseln aus dem Automaten zog, dafür auch anstandslos bereit war, eine Zwei-Euro-Münze zu geben, aber er verlor kein Wort darüber, dass er das Experiment gemacht hatte. Zu gern hätte ich ihn befragt, welchen Ball er gewählt hatte, welche Sprache und wie es war, den Ball zu bemalen und zu verschenken. Ich tröstete mich mit der Vorstellung, dass die von ihm Beschenkten vielleicht das Experiment versuchen würden, obwohl ich davon ausgehen musste, dass ich auch von ihnen niemals etwas darüber erfahren würde. So war sie eben, die erste Version meiner Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“. Sie war leise. Und genauso leise wie ihr Auftreten, war auch ihr Verschwinden im Januar 2007. An jenem Tag kam ich zum Atelier, so wie ich es jeden Tag tat. Und der Automat war weg! Er war einfach nicht mehr da! Gestohlen! Ich war nicht sehr glücklich über die Tatsache, dass man ihn mir ungefragt weggenommen hatte. Das Projekt hatte nun, ohne mein Zutun, eine nicht uninteressante Wendung genommen. Auch eine von mir geschaltete Anzeige gegen Unbekannt blieb ohne Erfolg und wurde bald darauf eingestellt. Das vorläufige Ende des Projektes „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“.

Entgegen meiner Annahme, das Projekt wäre damit beendet, habe ich die Arbeit bereits im Oktober 2007 wieder aufgenommen. Mich beschäftigte das offene Ende meiner Arbeit. Besonders der Umstand, dass nicht ich es gewesen war, der den Automaten entfernt hatte, sondern dass fremde Hände gewaltsam gegen den Automaten vorgegangen waren, blieb mir ein denkwürdiger Aspekt meiner Arbeit. So gesehen wurde dieses Ereignis zu einem unfreiwilligen Beispiel des Unfriedens zwischen mir und einer weiteren Person oder auch einer Gruppe, die mir unbekannt war und ist. Gleichzeitig baute sich ein gewisses Maß an Unfrieden in mir und mit mir auf. Da waren die Fragen, die das Projekt begleiten und Gedanken, die ich mir dazu machte. Es blieb das Gefühl der Notwendigkeit diese Fragen weiter zu stellen. Der Automat hatte die mir so wichtigen Fragen verbreitet, aber einfach einen neuen zu kaufen missfiel mir. Genau genommen hat er eine weitere Frage aufgeworfen. Die Frage, ob man Frieden stehlen kann? Natürlich ist ein Automat nur ein Automat und kein Frieden. Und auch Friedensarbeit ist nicht gleich Frieden.

Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Diebe sich nicht mit dem Inhalt des Automaten auseinandergesetzt haben, bevor sie ihn von der Wand brachen. Es ist anzunehmen, dass sie Kaugummis in ihm erwartet hatten oder kleines Plastikspielzeug und natürlich Bargeld. Zu gerne würde ich sie danach befragen. Es ist natürlich auch das Gegenteil denkbar, dass sie ihn entwendet hatten, weil sie gegen meine Arbeit waren? Ich werde wohl auf eine weitere Antwort verzichten müssen. In gewisser Weise nun meines inneren Friedens beraubt, entstand so die zweite Version von „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“. Ich wollte diesmal eine neue Form ausprobieren. Zwar sollte diese Variante auch nicht sehr laut auftreten, aber immerhin bekam sie nun eine Stimme – meine Stimme. Es entstand ein Video.

Video zu der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“

bild_zettel_ball

Vorgefundene und inszenierte Momentaufnahmen meines damaligen Umfeldes, die von weißen Flächen unterbrochen werden, ohne Hintergrundgeräusche und meine Stimme, die den Text vorträgt, der zuvor auf dem Zettel stand. Das fertige Video habe ich dann am 17.Oktober 2007 bei YouTube im Internet veröffentlicht. Der Betrachter erhält die Fragen und die Aufforderung, das Experiment zu machen. Er erhält nun keinen schönen Schlüsselanhänger mehr, den er weiter verschenken könnte, allerdings muss er auch kein Geld für das Video bezahlen. Will er einen roten Ball mit dem Schriftzug „Frieden“ haben, für sich selbst oder zum weiter geben, so muss er ihn nun eigenhändig erstellen. Ich habe viele Bälle rot bemalt und mit „Frieden“ beschriftet. Das Verschenken stellt sich gänzlich anders da, wenn man sich die Zeit nimmt und sich die Mühe macht, den Ball selbst zu besorgen, zu bemalen und zu beschriften.

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