Diplomarbeit

„Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“
Diplomarbeit – Steve Meyer 2005 Mentor: Professor Michael Lingner

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Wo fängt eine Lüge an und wann können wir noch von einer Notlüge sprechen? Wie lebt man mit einer Lebenslüge? Haben wir ein Recht auf Wahrheit? Warum lügen wir? Wie wichtig ist die Wahrheit für die Qualität unseres Lebens? Wie wichtig ist das Lügen für die Qualität unseres Lebens? Sind Sie ein misstrauischer Typ? Hat Ihnen schon einmal ein Freund ein Geständnis gemacht und eine für Ihr Leben relevante Lüge aufgedeckt? Vielleicht waren Sie geschockt und fühlten sich verletzt? Oder haben Sie sich über das verspätete Vertrauen gefreut, das man Ihnen entgegen gebracht hat? Auf Fragen wie diese gibt es in den meisten Fällen keine eindeutigen Antworten.

Die Arbeit „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ möchte Sie dazu einladen bei einem Experiment teilzunehmen. Dieses soll dazu anregen, die eigene Wahrheit mit wichtigen Personen zu kommunizieren. Wer für Sie eine Bedeutung für das zu besprechende Thema hat und wer nicht, das ist allein Ihre Entscheidung. Die gewissenhafte Nutzung der Installation soll eine bewusste Aufklärung und Auseinandersetzung mit ausgewählten Personen zur Folge haben, was wiederum eine höhere Zufriedenheit mit sich bringen kann. Die Installation bietet Ihnen einen besonderen Ort für Kommunikation. Dieser Ort versucht einen „Genius Loci“ zu schaffen, der eine Kommunikation möglich macht, die ihren Fokus auf die Wahrheitssuche richtet. Wenn Sie es wünschen, können Sie die Anlage für Ihre Gespräche nutzen, um so eigene und fremde Wahrheiten in Erfahrung zu bringen.

Kommunikation – Wahrheitssuche – Lebensqualität

Wie Sie schon am Titel der Arbeit erkennen können, handelt es sich um ein Forum, das zeitgleich von nicht mehr oder weniger als zwei Personen genutzt werden soll. Die Spezialisierung der Installation auf zwei Personen ist sinnvoll, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, ein funktionsfähiges Forum für Wahrheitssuche durch Kommunikation zu schaffen. Die Installation verzichtet bewusst auf andere Methoden der Wahrheitssuche, wie zum Beispiel Indiziensuche oder Forschung und konzentriert sich ganz auf die komplexe Methode der Kommunikation. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Installation hauptsächlich für Menschen geeignet ist, die miteinander ein Grundmaß an Vertrauen teilen oder zumindest den Wunsch haben dieses aufzubauen. Es ist verständlich, dass verschiedene Menschen von verschiedenen Wahrheiten ausgehen. Viele Faktoren beeinflussen die empfundene Wahrheit. Sozialisierung, Religion, die Zeit, in der man lebt, oder auch eigene Toleranzgrenzen tragen unausweichlich zu einer Prägung der eigenen Wahrheit bei. Im Zusammenhang mit der hier beschriebenen Installation ist es nun aber von großer Wichtigkeit, sich nicht von der hohen Komplexität der Wahrheit abschrecken zu lassen und gar den Satz „Wahrheit gibt es nicht“ zu stärken. Vielmehr geht es darum, über die eigenen mit allen Sinnen erlebten Wahrheiten mit relevanten Individuen zu kommunizieren, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, andere Wahrheiten zu erkennen und ihnen gegenüber offen zu sein. Diese Offenheit kann Ihr Wohlgefühl und die Qualität Ihres Lebens steigern. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei noch einmal gesagt, dass Sie frei wählen können, ja sogar müssen, über welches Thema Sie kommunizieren wollen. Sie sollten dies tun, ohne dabei ihre eigene Wahrheit zu verleugnen und bereit dazu sein, die des anderen wahrzunehmen.

Natürlich ist jedem bewusst, dass das Austauschen individueller Wahrheiten zwischen zwei Menschen auch einen Konflikt zur Folge haben kann, der dann wiederum meist eine wie auch immer geartete Konsequenz mit sich bringt. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Frage „Haben wir ein Recht auf Wahrheit?“ eingehen und zusätzlich die Frage „Ist es sinnvoll, die Wahrheit zu sagen?“ beleuchten. Auch hierfür gibt es keine eindeutigen Antworten. Sie sind von verschiedensten Bedingungen abhängig. Es ist wahrscheinlich nicht falsch zu behaupten, dass jeder Mensch das Recht hat, eine ihm bekannte Lüge aufzuklären, indem er sie kommuniziert, wenn er einen dringenden Grund dafür sieht. Dieses trifft auch dann noch zu, wenn die aufgeklärte Person mit dieser ihr zuvor unbekannten Wahrheit nicht glücklich ist. Zudem ist anzunehmen, dass die meisten Menschen der Meinung sind, dass sie eine ehrliche, also der Wahrheit entsprechende Antwort verdient haben, wenn sie einer vertrauten Person eine Frage stellen. Der Befragte wiederum hat natürlich das Recht eine Antwort zu verweigern, auch wenn eine solche fehlende Offenheit nicht gerade dazu beiträgt, neue Erkenntnisse und Wahrheiten zu erfahren.

Bitte machen Sie nicht den Fehler, die „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ mit einem Beichtstuhl zu verwechseln! Da Sie selbst bestimmen, über welches Thema Sie gern sprechen wollen, ist es natürlich möglich die Installation zu nutzen, um eine Sünde zu beichten. Genauso ist es aber auch möglich, jemanden eine wie auch immer geartete erfreuliche Nachricht zu überbringen, die mit einer Sünde nichts zu tun hat. Zum Beispiel das Bestehen einer wichtigen Prüfung, einen Heiratswunsch oder eine Schwangerschaft. Zudem sprechen Sie ja mit einer Ihrer Meinung nach wichtigen Person. Sie können also davon ausgehen, dass das geführte Gespräch eine persönliche Bedeutung für Ihren Gesprächspartner haben kann. Ein weiterer Unterschied zum Beichtstuhl ist, dass Sie und Ihr Gesprächspartner gleichgestellt sind beziehungsweise sein sollten.

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Die Wichtigkeit der Kontinuität

Der vorangegangene Text zeigt nur einen Bruchteil der Schwierigkeiten beim Umgang mit der Wahrheitssuche durch Kommunikation! Das Fördern der Wahrheitssuche setzt voraus, dass zumindest ein Ansatz von Interesse an der eigenen Wahrheit und der des anderen vorhanden ist. Ist dieser Aspekt erfüllt, ist es im Folgenden sinnvoll, eine eventuelle Angst vor der Wahrheitssuche durch Kommunikation abzubauen. Hierbei spielt Kontinuität eine wichtige Rolle. Sie ist in der Lage, die Zerbrechlichkeit der Wahrheit und des Vertrauens zwischen zwei Menschen aufzufangen. Ein einzelner Kontakt mit der Wahrheit kann ihr nur schwer gerecht werden, da sie sich in ständiger Veränderung befindet. Schaffen es aber zwei Menschen mehrere regelmäßige Kontakte mit der Wahrheit durch Kommunikation herzustellen, so kann dieses über einen langen Zeitraum gemeinsame Wahrheit, Vertrauen und letztlich eine höhere Lebensqualität in Form von Verständnis, Toleranz und Respekt zur Folge haben.

Kann man Wahrheitssuche durch Kommunikation ritualisieren?

Vielleicht gibt es Menschen in Ihrer Umgebung, die sich angeeignet haben kleinere Notlügen im Alltag zu benutzen? Vielleicht sind Sie selbst nicht abgeneigt, dieses zu tun? Häufig erscheinen viele dieser Notlügen von Außen betrachtet überflüssig und unverständlich. Auch scheinbar unwichtige Lügen können die Wahrheitssuche blockieren. Streben Sie aber grundsätzlich an, Zusammenhänge und Gegebenheiten zu erkennen, kann Wahrheitssuche zur Selbstverständlichkeit werden. Die „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ bietet einen Ort, an dem zwei Menschen eine neue Redesituation vorfinden. Sind Sie bereit, im Dialog, ohne gegenseitige Täuschungen, die Kommunikation zu suchen und wünschen sich zudem, dieses immer wieder in regelmäßigen Abständen zu tun, kann Wahrheitssuche zum Ritual werden. Wichtig ist hierbei, darauf zu achten, dass zwar der Ablauf der Kommunikation bestimmten immer wieder gleichen Regeln unterliegen kann, der Inhalt aber selbstverständlich nicht zwingend gleichbleibend ist. Die größte Schwierigkeit liegt auch hier bei möglichen Folgen der Kommunikation. Folgen, die die Kontinuität der Kommunikation beeinträchtigen könnten und so ein Ritual unmöglich machen. Beide Personen sollten bereit sein, einen formellen Umgang miteinander abzulegen und willig, auch schwere Konflikte durch Dialoge in ihrer Komplexität und im vorherrschenden Kontext zu sehen. So kann es ihnen gelingen, eine Atmosphäre zu schaffen, die eine weitere Wahrheitssuche durch Kommunikation, trotz daraus eventuell erwachsender Konflikte, vorsieht. Die „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ versucht einen Ort zu bieten, der einen „Genius Loci“ schafft, der dieses vereinfacht. Erst die Kombination Ort, Installation und Nutzerpaar macht dieses möglich. Die Installation ist so gestaltet, dass Sie die Gelegenheit haben, mit Ihrem Gesprächspartner eigene kleine Rituale zu entwickeln, die Ihren Kommunikationsverlauf entscheidend verbessern können.

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Theorie und Praxis

Jeder von uns weiß aus eigener Erfahrung, dass Theorie und Praxis nur selten hundertprozentig übereinstimmen. Wie ich schon am Anfang erwähnt habe, handelt es sich bei der Arbeit „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ um ein Experiment. Das Ergebnis ist also offen und bleibt abzuwarten. Die zahlreichen Schwierigkeiten, die Kommunikation zwischen zwei Menschen mit sich bringt, sind jedem bekannt. Nicht selten spielen persönliche Wünsche, Hoffnungen oder auch Verletzungen eine größere Rolle als das eigentliche Thema, welches es zu besprechen gilt. Zudem sind nur wenige Menschen in der Lage, immer die richtigen Worte zu finden. Die Neigung vieler Menschen, ausgewählte Tatsachen einfach nicht sehen zu wollen (bewusst oder unbewusst) und sie zu verdrängen, erschwert die Kommunikation zusätzlich. Ist man zudem noch bereit, sich bewusst des Lügens zu bedienen, wird es schwer werden, eine konstante Basis für Kommunikation aufzubauen. Man darf aber nicht vergessen, dass Menschen die Fähigkeit haben, zu verzeihen. Außerdem fallen befürchtete Reaktionen oft anders aus, als man es angenommen hat. Dieses Wissen stärkt die Annahme, dass eine späte Aufklärung besser ist, als gar keine Aufklärung. Die „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ lädt Sie dazu ein, ohne dabei missionarisch sein zu wollen. Nur wenn die Nutzung der Installation auf freiwilliger Basis passiert, kann sie überhaupt durchgeführt werden.

Die Elemente der Installation und ihre Funktion

Die Arbeit ist so konzipiert, dass es möglich ist, mehrere Installationen an mehreren Orten gleichzeitig und dauerhaft aufzubauen. Der Standort der „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ sollte vorzugsweise so gewählt sein, dass er einige wenige Kriterien aufweist. So ist es sinnvoll, einen öffentlichen Ort zu wählen, an dem sich viele Menschen aufhalten und wo dennoch eine gewisse Ruhe vorhanden ist; zum Beispiel eine große Wiese oder abseits liegende Grünfläche in einem Stadtpark. Ein öffentlicher Ort bietet vielen Menschen Zugang zu der Installation und stellt gleichzeitig einen gewissen Schutz dar. Ein weiterer Vorteil eines öffentlichen Ortes für die Wahrheitssuche gegenüber Privaträumen ist, dass ungewollte Gewohnheiten zwischen den Gesprächspartnern verringert werden; zum Beispiel werden so eventuell bestehende Sitzordnungen unterbrochen. Die gesamte, kreisförmig angeordnete Installation hat einen Durchmesser von ca. 15 Metern. Diese durch den Schutzring vom restlichen öffentlichen Leben getrennte Fläche bietet den Nutzern ausreichend Intimität untereinander, die für die Wahrheitssuche durch Kommunikation wichtig ist. Dritte Personen, die nicht zu dem Nutzerpaar gehören, werden eben durch diese Größe auf Distanz gehalten und sind so nicht in der Lage, die Intimität des Nutzerpaares zu stören. Die Materialwahl für die Grundgestaltung fiel auf Standard-Wegplatten (50 cm x 50 cm x 5 cm) aus Beton. Die Bruchstücke der Platten haben ihre eigentlich genormte Größe verloren und wurden zu einer neuen, größeren Einheit zusammengesetzt. Die Bruchstücke sind mit kleineren (ca. 10 cm x 10 cm) Steinen kombiniert, so dass ein Steinmosaiklabyrinth entsteht.

Die Hecken: Die angeordneten Hecken sind in drei Größen vorhanden: 0,5 Meter (Schutzring), 1 Meter und 1,5 Meter. Sie bieten einen bewusst gering gehaltenen Sichtschutz von Außen. So fördern sie Ihre Intimität, ohne die gewünschte Offenheit der Installation zu beeinträchtigen. Die Offenheit ist wichtig, damit interessierte Dritte von Außen in der Lage sind zu bemerken, dass die Installation in Benutzung ist, ohne Sie stören zu müssen!

Die Schutzringhecke: Am Rand der Installation verläuft ein bereits oben erwähnter Schutzring. Nur zwei sich gegenüberliegende Lücken im Schutzring bieten Ihnen bequeme Eingänge für die Installation. Die Schutzringhecke unterstützt, ähnlich wie die Größe der Installation, die Intimität des Nutzerpaares. Zwei Ein- und Ausgänge sind wichtig, damit Sie die Wahl haben, die Installation als Paar oder als Einzelpersonen zu betreten und zu verlassen.

Die Grünfläche: Die Grünfläche kann als Liegewiese genutzt werden. Sie haben so eine weitere Wahlmöglichkeit; es ist Ihnen freigestellt, in welcher Körperhaltung Sie kommunizieren wollen. Je nach Thema der Kommunikation kann es wünschenswert sein, zu sitzen, zu stehen oder zu liegen.

Die Kieseisekr: Die Kieskreise aus farbigen Kies bilden eine Schnittmenge und bieten die Möglichkeit eine Nachricht aus Steinen zu legen. Das kann ein Name, ein Datum, ein Satz oder auch nur ein Wort sein, das Sie auf der Installation hinterlegen können, wenn Sie es wünschen. Dieses Element bietet Ihnen die Möglichkeit, etwas Persönliches zu hinterlassen, was wiederum das Gefühl des Teilhabens an der Installation stärken soll. Zudem kann ein solcher Steinschriftzug einen Einblick über das geben, worüber zuvor auf der Installation kommuniziert wurde. Das Zerstören und neu legen der Steinschriftzüge kann zu einem wichtigen Bestandteil der Installation werden, bei dem Wunsch, den Besuch der „Installation für zwei Personen zur Förderung der Wahrheitssuche durch Kommunikation“ zu ritualisieren.

Die Sitzgelegenheiten: Im Zentrum der Installation befinden sich zwei Hocker, die sich gegenüber stehen. Dieser Platz ist besonders gut geeignet, um im Sitzen zu kommunizieren, da die Begrenzungshecke hier besonders hoch (1,5 Meter) und die Entfernung zum Installationsrand besonders groß ist. Diese Voraussetzungen fördern die Intimität des Nutzerpaares, ähnlich wie der zuvor beschriebene Schutzring.

Der Apfelbaum: Der Apfelbaum hat nicht zuletzt einen dekorativen Wert, der nicht zu unterschätzen ist. Er ist Mittel, um das Wohlgefühl beim Nutzen der Installation zu stärken. Zudem gibt er Ihnen auch die Möglichkeit, das ritualisierte Benutzen der Installation, ähnlich wie bei den Kieskreisen, zu erleichtern. So kann es zum Beispiel zu einem Ritual werden, sich am Apfelbaum zu treffen oder einen Apfel zu pflücken, wenn der Baum Früchte trägt.

Die Schilder: An den zwei Ein- und Ausgängen der Installation befinden sich Schilder, die den Titel und einen Benutzerhinweis tragen. Diese Informationen sind wichtig, um eine störungsfreie Kommunikation zu fördern. Zudem wird so einem Missbrauch der Installation vorgebeugt. Der Text auf den Schildern lautet:

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Installation für zwei Personen zur Förderung
der Wahrheitssuche durch Kommunikation

Bitte beachten Sie folgende Hinweise:
1. Respektieren Sie die Nutzer der Installation.
2. Jeder ist berechtigt, die Kommunikationsdauer selbst zu bestimmen.
3. Die Nutzung der Installation erfolgt auf eigene Gefahr!

Legende:
1. Sitzgelegenheiten
2. Hecke (Höhe:1,5 m)
3. Hecke (Höhe:1,0 m)
4. Schutzringhecke
5. Apfelbaum
6. Grünfläche
7. Kieskreise
8. Schilder