Der Frieden ist (k)ein roter Ball

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Liebe Leserin, lieber Leser!
Dieser Text ist das vorläufige Resultat meiner Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball 1-5“. Die Grundidee zu diesem Kunstexperiment kam mir in einer schlaflosen Nacht. Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, nur noch, dass es kurz vor dem 11. September 2001 war. Ich wollte nicht, dass die Arbeit als eine direkte Reaktion auf den Terror verstanden würde und hatte sie einige Zeit ruhen lassen. Ob der Weltfrieden möglich ist oder nicht, ist eine Frage, die mich wieder und wieder beschäftigt. In diesem Zusammenhang dachte ich darüber nach, wie es wäre, wenn man jemanden Frieden zuspielen könnte, wie man seinem Gegenüber einen Ball zuspielt. Funktionierende Reflexe der angespielten Person vorausgesetzt, würde sie den Ball fangen und ihn zumindest für eine kurze Zeit festhalten. Was sie dann mit dem Ball anstellt, ist fraglich und hängt vermutlich von mehreren Gegebenheiten ab. Bei vielen Ballspielen fliegt oder rollt ein Ball über ein abgestecktes Feld. Oft gibt es ein bestimmtes Ziel, in welches der Ball hinein soll. Ein Tor, Loch oder ein Korb. Man versucht ihn zu fangen, loszuwerden oder zu lenken. Meist bleibt der Ball so ständig in Bewegung und ist dadurch überall und nirgends zugleich. Eine der mir wichtigsten Fragen ist: Wie können wir Frieden schaffen? Der folgende Text ist nicht in der Lage, eine eindeutige Antwort auf diese Frage zu geben. Vielmehr ist es so, dass er weitere Fragen, den Frieden betreffend aufwirft, die sich aus den unterschiedlichen Reaktionen auf die ersten vier Versionen von „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ ableiten lassen. Ich habe die Hoffnung, dass ich mit meiner künstlerischen Arbeit und dem vorliegenden Text dazu beitragen kann, diese Fragen in Bewegung zu halten. Zudem habe ich die Vision, dass es für alle Menschen möglich ist, das eigene Gefühl dazu zu bringen, dass es erkennt, wie wichtig es ist, den anderen Menschen wahrhaftig Frieden zu wünschen und zu schenken. Ob das dann mit einem rot bemalten Ball geschieht oder ohne, ist letztlich von zweitrangiger Bedeutung. Der Frieden ist (k)ein roter Ball!

Was ist Frieden?

Ich bin lange nach dem Krieg in Hamburg geboren und kann sagen, dass ich in Frieden aufgewachsen bin. Jedenfalls wenn man Frieden als Abwesenheit von Krieg versteht. In der Schule hat man uns über die Deutsche Geschichte aufgeklärt. Mehr noch, wir haben uns auf vielfältige Weise mit ihr auseinandergesetzt. Wir haben Fakten besprochen und versucht, etwas zu verstehen, was nicht zu fassen ist. Wir haben Theaterstücke inszeniert, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und den Folgen auseinandersetzten. Wir haben diskutiert. All die Dinge, die Menschen anderen Menschen im Krieg angetan haben und für die es keine geeigneten Worte gibt, habe ich nie erleben und erleiden müssen. Das macht mich dankbar. Und ich nehme diese Tatsache nicht als selbstverständlich hin. Es gibt ein Bewusstsein in mir, dass es ähnlich, zumindest ähnlich grausam, wieder werden könnte. Die Abwesenheit von Krieg ist etwas, das es zu pflegen gilt. Ich kann nicht sagen, dass mein bisheriges Leben zu jeder Zeit friedlich verlaufen ist, obwohl ich bisher keinen Krieg erleben musste. Unfrieden, durch körperliche oder seelische Gewalt zwischen zwei Menschen oder einer kleineren Menschengruppe, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit die meisten Menschen miterlebt. Zumindest aber werden wir zwangsläufig zu Beobachtern von Unfrieden und sogar Krieg vermittelt durch die Medien. Um die Frage, was Frieden wirklich bedeutet, weiter zu beleuchten, kommen wir auch nicht drumherum über den eigenen Frieden mit uns selbst nachzudenken. Beachten wir die einzelnen Punkte dieser Überlegungen und wie sie miteinander verknüpft sind, so verlangt die Frage „Was ist Frieden“ einige Mühen von uns ab. Ich bin Künstler, kein Philosoph und auch kein Friedensforscher. Ich versuche auf meine eigene Art und Weise einen Raum für dieses Thema zu schaffen. Ich glaube daran, dass die Suche nach Antworten auf die genannten Fragen genauso wichtig sein kann, wenn nicht sogar wichtiger, als eine eindeutige Antwort darauf zu finden. Die Antworten mögen von der Zeit und der jeweiligen Gesellschaft abhängig sein, in der man sich gerade befindet und sind so, unterschiedlichen Bewertungen ausgeliefert; eine Gesellschaft ohne Fragen aber, kann nur eine armselige sein, unabhängig von Zeit und Ort. Die Notwendigkeit zu jeder Zeit Fragen, den Frieden betreffend, zu stellen und nach Frieden zu streben ist daher eine große.

Nach einigen Versuchen im Vorfeld ist im Juni 2005 die erste Version der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ entstanden. Damals wusste ich noch nicht, dass weitere Versionen folgen würden. Immer noch angetrieben von der Idee, dass man sich Frieden zuspielen kann wie einen Ball wollte ich dazu auffordern, eben dieses zu tun! Und sich gleichzeitig mit dem Thema Frieden zu be-schäftigen. Was ich mir nun vorstellte, war eine Art Zufallsgenerator, der es ermöglichte, dass Menschen mit meiner Idee konfrontiert wurden, ohne, dass ich selbst diese Personen auswählen musste. Es galt eine leise, unaufdringliche Form für meine Idee zu finden. Mir kam in diesem Zusammenhang ein Kaugummiautomat in den Sinn. Ein Automat, wie ich ihn aus meiner eigenen Kindheit her kannte. Welch Freude es war, für kleines Geld am Automaten zu drehen, ohne zu wissen, was er mir geben würde. Nach einiger Recherche war ein Mann gefunden, der mir eben so einen Automaten verkaufte mit dazu passenden Plastikkapseln. In die Kapseln legte ich kleine Schlüsselanhänger, die ich zuvor in mühevoller Atelierarbeit hergestellt hatte. Eine volle Ladung für den Automaten umfasste rund einhundert Kapseln. Das hieß für mich, einhundert Holzkügelchen mit einer kleinen Kette und einem Schlüsselring zu versehen – der kniffeligste von allen Arbeits-schritten. Dann den Ball zweimal rot lackieren, mit dem Wort „frieden“ beschriften und abschließend noch einmal mit Klarlack behandeln. Fertig! Zu dem Anhänger legte ich einen Zettel, auf dem folgender Text stand:

Was ist Frieden? Wie kann man Frieden transportieren? Kann man Frieden kaufen? Kann man Frieden aus Automaten beziehen? Wer oder was hat die Möglichkeit Frieden zu geben? Das Experiment: Nehmen Sie einen Ball und malen Sie ihn rot an. Es ist nicht wichtig, was für einen Ball Sie nehmen. Tischtennisbälle, Fußbälle, Bälle aus Leder, Holz oder Kunststoff – Hauptsache rund! Schreiben Sie in einer Sprache Ihrer Wahl „frieden“ auf den roten Ball und schenken Sie ihn einer Person, mit der Sie Frieden schließen wollen oder der Sie Frieden wünschen. Bitten Sie die beschenkte Person, das Experiment selbst zu versuchen.

Ich sehe diese Aktion als ein Experiment an! Und in gewisser Weise ist der vorliegende Text eine Art Zwischenbericht über den bisherigen Verlauf des Experimentes. Erstmals habe ich den Automaten bei der „Kunst Meile“ in Hamburg der Öffentlichkeit vorgestellt. Einer der Besucher äußerte sich enttäuscht bis entsetzt darüber, dass man eine Zwei-Euro-Münze in den Automaten stecken musste, um an eine der Kapseln zu kommen, mit den Worten: „Das ist ja kommerziell!“ An diese Reaktion muss ich manchmal heute noch denken. Nach dieser ersten Präsentation hatte der Automat seinen Bestimmungsort bekommen. Er hing nun zwei Jahre an der Außenwand meines damaligen Ateliers in Hamburg St. Georg, das sich im Erdgeschoss zur Strasse hin befand. Es wurden rund dreihundert Kapseln, aus ihm gekauft. Dazu kommen weitere Kapseln, die ich vielfach verschenkt habe, wann immer ich es für angemessen hielt. Von Zeit zu Zeit kamen Leute in das Atelier und befragten mich zu meiner Arbeit.

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Ein Besucher erzählte mir, dass er zum wiederholten Male Kapseln gekauft hatte. Ihm gefiel die Arbeit offensichtlich. Er sagte mir, dass er die Kapseln gern weiter verschenke. Natürlich freute es mich, dass ihm meine Arbeit etwas bedeutete, dennoch war da auch ein Gefühl von Unbehagen in mir. Es war offensichtlich, dass er sich die Kapseln aus dem Automaten zog, dafür auch anstandslos bereit war, eine Zwei-Euro-Münze zu geben, aber er verlor kein Wort darüber, dass er das Experiment gemacht hatte. Zu gern hätte ich ihn befragt, welchen Ball er gewählt hatte, welche Sprache und wie es war, den Ball zu bemalen und zu verschenken. Ich tröstete mich mit der Vorstellung, dass die von ihm Beschenkten vielleicht das Experiment ver-suchen würden, obwohl ich davon ausgehen musste, dass ich auch von ihnen niemals etwas darüber erfahren würde. So war sie eben, die erste Version meiner Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“. Sie war leise. Und genauso leise wie ihr Auftreten, war auch ihr Verschwinden im Januar 2007. An jenem Tag kam ich zum Atelier, so wie ich es jeden Tag tat. Und der Automat war weg! Er war einfach nicht mehr da! Gestohlen! Ich war nicht sehr glücklich über die Tatsache, dass man ihn mir ungefragt weggenommen hatte. Das Projekt hatte nun, ohne mein Zutun, eine nicht uninteressante Wendung genommen. Auch eine von mir geschaltete Anzeige gegen Unbekannt blieb ohne Erfolg und wurde bald darauf eingestellt. Das vorläufige Ende des Projektes „Der Frieden ist (k)ein roter Ball.1“.

Entgegen meiner Annahme, das Projekt wäre damit beendet, habe ich die Arbeit bereits im Oktober 2007 wieder aufgenommen. Mich beschäftigte das offene Ende meiner Arbeit. Besonders der Umstand, dass nicht ich es gewesen war, der den Automaten entfernt hatte, sondern dass fremde Hände gewaltsam gegen den Automaten vorgegangen waren, blieb mir ein denkwürdiger Aspekt meiner Arbeit. So gesehen wurde dieses Ereignis zu einem unfreiwilligen Beispiel des Unfriedens zwischen mir und einer weiteren Person oder auch einer Gruppe, die mir unbekannt war und ist. Gleichzeitig baute sich ein gewisses Maß an Unfrieden in mir und mit mir auf. Da waren die Fragen, die das Projekt begleiten und Gedanken, die ich mir dazu machte. Es blieb das Gefühl der Notwendigkeit diese Fragen weiter zu stellen. Der Automat hatte seine Zeit gehabt. Er hatte die mir so wichtigen Fragen verbreitet, aber einfach einen neuen zu kaufen missfiel mir. Genau genommen hat er eine weitere Frage aufgeworfen. Die Frage, ob man Frieden stehlen kann? Natürlich ist ein Automat nur ein Automat und kein Frieden. Und auch Friedensarbeit ist nicht gleich Frieden.

Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Diebe sich nicht mit dem Inhalt des Automaten auseinandergesetzt haben, bevor sie ihn von der Wand brachen. Es ist anzunehmen, dass sie Kaugummis in ihm erwartet hatten oder kleines Plastikspielzeug und natürlich Bargeld. Zu gerne würde ich sie danach befragen. Es ist natürlich auch das Gegenteil denkbar, dass sie ihn entwendet hatten, weil sie gegen meine Arbeit waren? Ich werde wohl auf eine weitere Antwort verzichten müssen. In gewisser Weise nun meines inneren Friedens beraubt, entstand so die zweite Version von „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“. Ich wollte diesmal eine neue Form ausprobieren. Zwar sollte diese Variante auch nicht sehr laut auftreten, aber immerhin bekam sie nun eine Stimme – meine Stimme. Es entstand ein Video.

Vorgefundene und inszenierte Momentaufnahmen meines damaligen Umfeldes, die von weißen Flächen unterbrochen werden, ohne Hintergrundgeräusche und meine Stimme, die den Text vorträgt, der zuvor auf dem Zettel stand. Das fertige Video habe ich dann am 17.Oktober 2007 bei YouTube im Internet veröffentlicht. Der Betrachter erhält die Fragen und die Aufforderung, das Experiment zu machen. Er erhält nun keinen schönen Schlüsselanhänger mehr, den er weiter verschenken könnte, allerdings muss er auch kein Geld für das Video bezahlen. Will er einen roten Ball mit dem Schriftzug „frieden“ haben, für sich selbst oder zum weiter geben, so muss er ihn nun eigenhändig erstellen. Ich habe viele Bälle rot bemalt und mit „frieden“ beschriftet. Das Verschenken stellt sich gänzlich anders da, wenn man sich die Zeit nimmt und sich die Mühe macht, den Ball selbst zu besorgen, zu bemalen und zu beschriften.

Wie kann man Frieden transportieren?

Das Wort Transport kommt aus dem Lateinischen, trans-portare, und bedeutet soviel wie (hin)überbringen, -tragen. Jeden Tag transportieren wir etwas. Überlegen Sie einmal, was Sie gestern alles transportiert haben. Was ist das erste, das Ihnen in den Sinn kommt? Vielleicht waren Sie einkaufen und haben dabei unter anderem eine Kiste mit leeren Wasserflaschen zum Supermarkt gebracht und eine neue, volle wieder mitgenommen. Sind Sie zu Fuß gegangen oder sind Sie mit dem Auto gefahren? Ich stelle mir das ungefähr so vor: Zuerst haben Sie alle leeren Flaschen zusammengesucht, die noch nicht in der Kiste waren, und sie dazu gestellt, um möglichst eine volle Kiste Leergut abgeben zu können. Dann haben Sie die Kiste mit den Händen in den Fahrstuhl gestellt, um hinunter zu fahren. Später haben Sie die Kiste, wieder mit den Händen, in den Kofferraum ihres Autos getragen und sie zum Supermarkt gefahren. Dort angekommen haben Sie die Kiste in den Einkaufswagen gehoben und haben ihn zum Automaten für das Leergut geschoben, um sie dort abzugeben. So oder so ähnlich wird es wohl gewesen sein. Und so oder so ähnlich bringen wir täglich Dinge von einem zum anderen Ort. Einfach nur, weil wir sie woanders haben wollen, als sie gerade sind. Und nun denken Sie einmal an den Anfang des gestrigen Tages zurück.

Ich nehme an, Sie haben sich nach dem Aufstehen angezogen. Vielleicht haben Sie sich vorher geduscht, ihre Zähne geputzt und andere Dinge getan, die Sie eben morgens tun, aber irgendwann werden Sie sich angezogen haben, denn die wenigsten Menschen laufen nackt herum. Eine Unterhose, Unterhemd, Hose, zwei Socken, vielleicht einen Pullover, nach Belieben Schmuck und vielleicht auch Make-up oder eine Uhr. Alles Sachen, die Sie gewöhnlich mit sich tragen. Alles Dinge, die Sie den ganzen Tag von einem zum anderen Ort bringen. Nicht in erster Linie, weil Sie sie woanders haben wollen, wie bei dem Beispiel mit der Wasserkiste, aber dennoch transportieren Sie Ihre Kleidung gewisser-maßen selbstverständlich mit sich herum. Vielleicht können uns diese Beispiele helfen über die Frage nachzudenken, ob man Frieden transportieren kann. Einen Gegenstand von A nach B zu bringen, egal ob bewusst oder unbewusst, ist Alltag für die Menschen. Da Frieden wohl kein Gegenstand ist, hilft dieses Beispiel in dieser Hinsicht nur wenig. Ich will noch einmal auf Ihre Kleidung zurückkommen. Stellen Sie sich nun vor, Sie haben sich einen neuen Mantel gekauft. Es handelt sich um ein, sagen wir – gewagtes Modell – das nicht jeder tragen würde. Dieser Mantel hat ein auffälliges Muster, in leuchtenden Farben und er macht Sie schlicht fröhlich, weil Sie schon immer ein solches Kleidungsstück besitzen wollten! Wieder starten Sie in Ihren Tag, aber diesmal dulden Sie Umwege – ja, Sie suchen sie sogar. Sie wollen Ihren Kauf zur Schau stellen und tragen ihn stolz und glücklich. Bewundernde Blicke schmeicheln Ihnen. Desinteresse oder gar ablehnende Blicke beachten Sie nicht! Sie fühlen sich gut, Sie fühlen sich schön, das ist das, was Sie ausstrahlen, was Sie nach Außen transportieren. Dieses Gefühl, diese Freude ist natürlich kein Objekt, welches von A nach B soll, aber es ist stark an ihr neues Kleidungsstück gekoppelt. Ein Gegenstand kann also ein Gefühl auslösen. Kann ein Gegenstand Frieden auslösen? Ist Frieden ein Gefühl?

Mitte 2009 bin ich von Hamburg nach Berlin umgezogen. Beim Einpacken der Dinge aus meinem Atelier, fielen mir die Plastikkapseln wieder in die Hände, die ich damals für den Automaten gebraucht hatte. Es waren über eintausend Kapseln. Genau eintausend davon habe ich rot bemalt und mit dem Wort „frieden“ beschriftet. Nun ist die Kapsel selbst zum Ball geworden. In seinem Inneren findet man einen der bereits bekannten Zettel aus der ersten Version der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“. Ich sprach mit einer Künstlerin aus Hamburg über die so entstandenen Bälle. Sie schien von der Gegebenheit, dass ich eintausend Kapseln bemalte, angetan. Ihr erschien es wie eine Obsession, der ich unterlag. Sie meinte, ich sollte den Prozeß filmen, wie ich die Bälle erstelle und diese Handlung durch den Film hervorheben. Ich selbst halte das nicht für angebracht. Ich unterlag auch keinerlei Zwang die Kapseln zu bemalen. Ihre Bemerkung zu meiner Arbeit wirft eine weitere Frage auf: Kann man, sollte oder darf man Frieden erzwingen? Nun war ich also Eigentümer von tausend rot bemalten, mit „frieden“ beschrifteten Bällen, ohne vorerst den Wunsch oder Zwang, zu spüren weitere zu produzieren. Zudem wollte ich den Fokus der Aufmerksamkeit auf die Frage, wie man Frieden transportieren kann, lenken. Hierzu dient mir nun ein eigenwilliges Mittel der Briefbeförderung, das ich bereits 2002 für die Arbeit „Das Flaschenpost – Kunst – Experiment“ verwendet habe – die Flaschenpost. Ich habe bereits 51 Flaschen mit jeweils einem der Bälle bestückt und dann in die Spree geworfen. In jeder Flasche steckt zusätzlich folgender Brief, der mit dem aktuellen Datum, einer Nummer und meiner Unterschrift versehen ist:

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Lieber Finder, Sie haben soeben eine Flaschenpost gefunden, die ein Teil der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball.3“ ist! Eine Frage der Arbeit lautet: Wie kann man Frieden transportieren? Haben Sie eine Antwort auf diese Frage? Weitere Informationen zu dem Projekt finden Sie im Inneren des mitgeschickten Balls!

Dear Finder, You have just found a message in a bottle, which is part of the project „Peace is a and no red ball.3“! One question of the project is: How can peace be conveyed? Do you have an answer to this question? Please find further information about this project inside the enclosed ball!

Ich schätze die Langsamkeit der Flaschenpost und die Tatsache, dass ich nicht wissen kann, wer sie bekommen wird und ob sie überhaupt Beachtung findet. Seit dem 21.11.09 werfe ich von Zeit zu Zeit weitere Flaschenposten in die Spree. Die hier abgedruckten Briefe zeige ich, ohne die vollständigen Namen der Absender zu nennen. Wenn Teile der Briefe nicht abgedruckt sind, zum Beispiel Privatadressen, ist dieses mit einem solchen Zeichen […] gekennzeichnet! Am 12.12.09, um 17:25 Uhr, habe ich eine Antwort per e-Mail erhalten:

Hi Steve, mein Name ist J. T. und ich bin ein gluecklicher Finder einer deiner Flaschen. Ich lief heute am Kanal im Wedding als ich deine Flasche treiben sah, ich war mit einer Bekannten unterwegs und sofort setzte sich eine panikhafte Suche (mit viel Geschrei) nach einem langen Ast ein. Nach 10 Minuten dann hatten wir sie sicher an Land gebracht. Es ist die Flasche no° 10 und sie ist mein schoenstes Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr !!!!!! Ich habe frueher in London und Paris gelebt und bin auch Kuenstler, lustiger Weise habe ich auch oft Flaschenposts und „Mailart“ verschickt – heute aber bin ich in erster Linie Hundemaler. Hier meine Website […]. Ein tolles Projekt das ich im Auge behalten werde! Liebe Gruesse J. T.

Ich habe mich sehr über diese Antwort gefreut, obwohl der Inhalt der e-Mail frei von Versuchen ist die Frage zu klären, wie man Frieden transportieren kann. Die Formen, die meine Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ annimmt, sind eher leise als laut, sie sind eher langsam als schnell. Und dennoch scheint sie, zumindest in Teilen, die Kraft zu haben „mit viel Geschrei“ wahr-genommen zu werden. Wie laut muss ein Mensch nach Frieden schreien, um ihn zu bekommen? Kurz darauf schrieb mir auch die in der e-Mail erwähnte Bekannte von J.T. eine Nachricht via facebook:

Hello Steve, I just wanted to say thank you to you for your project, “Der Frieden est (k)ein roter Ball“. I was visiting a friend in Berlin this weekend and we found one of your bottles floating in the canal yesterday morning (my last day in Berlin). We were so excited to see a message in a bottle and euphoric when we finally managed to catch the bottle! I think the project is a beautiful idea, and I love that you helped to spread it with messages in bottles and that we were lucky enough to find one. Thank you for helping make a magical ending to a beautiful weekend in Berlin (and for helping me make the decision to move there next summer, it’s a “wunderbar“ city). Best wishes for peace and a lovely holiday from a Scottish girl in Paris, J. P.S. I’m sorry this message is in English but I don’t yet speak German but hope to learn soon!

Antworten wie diese entschädigen mich für die zuweilen einsamen Stunden in meinem Atelier.

Am 18.01.10, um 11:51 Uhr bekam ich folgende e-Mail:

Hallo Herr Meyer, wir vom Historischen Hafen, konkret unser R. R., hat schon drei ihrer Flaschenposten eingesammelt. Zwangsläufig treiben ihre Friedensbotschaften in den http://www.historischer-hafen-berlin.com<http://www.historischer-hafen-berlin.com/> und wir erfreuen uns daran. Bälle selber gestaltet und weiterverschenkt haben wir allerdings noch nicht, kann ja noch werden. Vor mit liegt der letzte Fund: Flaschenpost Nr. 15, vom 28.11.09. Aber für diese Aktion sagen wir „Danke“. Mit freundlichen Grüßen I. R.

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Kann man Frieden kaufen?

Der Zwischenruf des Besuchers der „Kunst Meile“ damals in Hamburg: „Das ist ja kommerziell!“ hat gezeigt, dass es Menschen gibt, die künstlerische Friedensprojekte nicht gern in Verknüpfung mit einem Verkauf sehen. Viele Menschen gehen davon aus, dass wir alles, was wir wollen, irgendwo auf dieser Welt kaufen können, wenn wir nur ausreichend Geld dafür bieten. Zudem meinen aber auch viele Menschen, dass es Dinge gibt, die wir nicht für Geld erwerben können. Die meisten Sachen oder Dienstleistungen, die wir zu kaufen wünschen, finden wir in einem Geschäft. Im Zuge der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball.4“ habe ich einhundert verschiedene Firmen angeschrieben. Diesmal allerdings per Brief, um sicher zu gehen, dass die Anfrage auch dort ankommt, wo ich sie stellen wollte. Hier der Brief, den ich den Firmen zugesendet habe:

Berlin, den 08.12.09. Betreff: Kundenanfrage. Sehr geehrte Damen und Herren, kann ich bei Ihnen Frieden kaufen? Da ich unsicher bin, wo ich Frieden erwerben kann, frage ich nun unter anderem auch in Ihrem Hause nach. Ich bin am Erwerb von persönlichem Frieden für mich, aber auch gleichermaßen an Frieden für eine ganze Gemeinschaft interessiert. Zudem würde mich interessieren, ob Sie Frieden für die Welt in Ihrem Sortiment haben. Über spezielle Angebote würde ich mich natürlich freuen! Bitte schicken Sie mir doch entsprechende Preislisten zu. Außerdem freue ich mich natürlich über Informationen von Ihnen, wo ich Frieden kaufen kann, falls meine Kundenanfrage durch Ihr Sortiment nicht abgedeckt werden sollte! Mit freundlichen Grüßen, Steve Meyer

Bereits am 09.12.09 antwortete mir die Sekretärin der Geschäftsleitung des Dänischen Bettenlagers, Frau J., per Brief. Sie schrieb:

Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank für Ihr Schreiben vom 08.12. dieses Jahres. Sie können bei uns Qualitativ hochwertige Bettwaren und sonstige Wohnutensilien erwerben, die für einen friedlichen Schlaf und harmonisches Wohnerlebnis sorgen. Zudem werden Sie vor Ort in unseren Filialen Service- und Kundenorientiert nach Ihren Wünschen beraten. Damit Sie sich ein eigenes Bild machen können, haben wir Ihnen diesem Schreiben unseren aktuellen Prospekt beigelegt, welcher ab Montag, 14. Dezember 2009 gültig ist. Wir würden uns sehr freuen, Sie vielleicht schon bald in einer unserer zahlreichen Filialen begrüßen zu dürfen. Mit weihnachtlichen Grüßen aus Handewitt …

Es war zu erwarten, dass auf dem mitgeschickten Prospekt kein Bild ist, das ein Kilo Frieden für fünf Euro und neunundneunzig Cent anbietet, reduziert von neun Euro und fünfzig! Obwohl die Dame mir keinen Frieden verkaufen kann, ist sie offensichtlich bemüht etwas anzubieten, das mir zumindest einen friedlichen Schlaf bringen könnte. Ähnlich, wie mein vorhergehendes Beispiel mit dem neuen Mantel, der Freude transportiert, scheint hier auch ein Gegenstand, in diesem Fall ein Bett, friedlichen Schlaf zu bringen. Ich gebe ihr recht. Ein Bett, das einen friedlich schlafend macht, kann persönlichen Frieden bringen. Wäre es jedem Menschen auf dieser Welt gegönnt des Nachts friedlich zu schlafen, hätten wir dann einen Zustand, den wir Weltfrieden nennen könnten?

Ebenfalls am 09.12.09 schrieb mir der Geschäftsführer, Dr. C. H., der Manufactum GmbH & Co. KG aus Waltrop folgenden Brief:

Lieber Herr Meyer, in unserem Sortiment bieten wir diverse Bälle an: einen gelben Tennisball, einen rotgegerbten Lederfußball und sogar einen roten Gummiball (Artikelnummer 65612). Für die Farbe haben wir uns aus historischen Gründen entschieden, wie in der Produktbeschreibung zu lesen ist: Eines der wenigen deutschen Gummiwerke macht ihn noch: den verschwundenen, einfachen, preiswerten, robusten, springfreudigen und vielfältigen spielerischen Zwecken dienstbaren Gummiball. In Rot, versteht sich. Die erstklassige Naturkautschukmischung ist zu einer Decke von 4 mm Stärke verarbeitet, was dem Ball eine überlegene Formstabilität und Lebensdauer gibt. Die Vulkanisationshaut wird in einem mehrstündigen Trommelprozeß entfernt. Der Ball erhält dadurch eine leicht rauhe, griffige Oberfläche, die dem Roll- und Springverhalten guttut (wenn er nach längerem Kontakt mit Sand- oder Grasgründen blank geworden ist, können sie ihn mit 400er Sandpapier wieder aufrauhen). Über das hervorragend dichtende Spezialventil kann der Ball mit jeder Fahrrad- oder Ballpumpe befüllt werden (ein Ventiladapter aus Messing wird den Bällen, die unaufgeblasen geliefert werden, beigelegt). Diesen Ball jedoch mit Frieden zu assoziieren, würde zu weit führen. Viel Erfolg bei Ihrem Projekt. Mit freundlichen Grüßen C.H.

Einige Details, die aus dem Schreiben zu erkennen sind möchte ich hier hervorheben. Zum einen ist es offensichtlich, dass Herr Dr. H. sich informiert hat, wer ich bin und was ich tue. Er geht direkt auf meine Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ ein, obwohl meine Anfrage nicht direkt auf mein Projekt abzielte, sondern auf die Frage, wo ich Frieden kaufen kann. Ich habe unten auf meinem Anschreiben meine Kontaktdaten mit Internetseite angegeben, es war also möglich mehr über mich und meine Arbeit zu erfahren.

Mit den dort erlangten Informationen konnte er mir nun Bälle anbieten, da man Frieden offensichtlich auch in den Filialen der Manufactum GmbH & Co. KG nicht erwerben kann. Wie wichtig ist es eigentlich für uns, den Menschen zu kennen, dem wir Frieden wünschen? Und eine weitere Frage kam mir beim Lesen der Produktbeschreibung in den Sinn: Nach welchen Kriterien sollte man den Ball wählen, der für das Experiment geeignet ist? Die Personen, die das Experiment machen wollen, haben die Wahl. Sie werden vermutlich unterschiedlich entscheiden. Der hier beschriebene Ball hat offensichtlich eine hohe Qualität, was ich aber als noch bemerkenswerter erachte, ist, dass so viele Informationen über ihn zur Verfügung stehen. Die Zeit, die man benötigt, um das Experiment zu machen, beinhaltet auch, dass man den Ball, den man wählt, besser kennen lernt. In der Zeit, wo er bemalt wird, wird man seine Oberfläche erforschen und sei es nur, um herauszubekommen, welche Art von Farbe geeignet ist, um ihn damit zu bemalen. Auch die Größe des Balls wird einem vertrauter, wenn man die gesamte Fläche ausfüllen muss. Macht es einen Unterschied, ob ich einen Tischtennisball nehme, ihn anmale, beschrifte und verschenke oder einen Gymnastikball, den ich nur mit Mühe und zwei Händen tragen kann? Macht es einen Unterschied, wenn Sie einer Person einen Ball schenken und ihr zeitgleich Frieden wünschen, ohne weiter auf den Ball einzugehen oder sind Sie in der Lage weitere Informationen zu dem Ball zu geben. Die Aufforderung, das Experiment betreffend, ist eindeutig: Es ist nicht wichtig, was für einen Ball Sie nehmen. Tischtennisbälle, Fußbälle, Bälle aus Leder, Holz oder Kunststoff – Hauptsache rund! Wenn Sie das Experiment machen werden Sie, bewusst oder unbewusst einen Ball besorgen, der dann schon geeignet sein wird. Allein durch die Tatsache, dass Sie ihn gewählt haben. Selbstverständlich können Sie sich mehr oder weniger Mühe machen den Ball zu besorgen. Und natürlich können Sie mehr oder weniger offen damit umgehen. Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein Mann klingelt an Ihrer Tür, ob fremd oder vertraut sei jetzt einmal vernachlässigt. Er schenkt Ihnen einen rot bemalten Tischtennisball mit dem Schriftzug Frieden, wünscht Ihnen selbigen und geht wieder. Soweit so gut! Jetzt stellen Sie sich vor, der selbe Mann klingelt und schenkt Ihnen einen kleinen, rot bemalten Holzball, mit dem Schriftzug Frieden versehen, wünscht Ihnen Frieden und beginnt zu erzählen. Er könnte zum Beispiel sagen, wie er das Holz, aus dem der Ball geschnitzt ist, selber gesammelt, bearbeitet, bemalt und beschriftet hat, um ihn nun an Sie zu verschenken und Ihnen Frieden zu wünschen. Es steht die Frage im Raum, wie wichtig es sein kann, den Ball zu kennen, den man verschenken will.

Am 11.12.09 erhielt ich folgenden Brief vom Leonardo Team der Glaskoch B. Koch jr. GmbH & Co. KG:

Sehr geehrter Herr Meyer, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Frieden auch bei uns gerade nicht am Lager ist. Ausverkauft! Wir erwarten ihn aber in 2010 wieder zurück. Allen Erwartungen unserer Verkaufsabteilung entgegen war in 2009 der Frieden noch stärker gefragt, als die Jahre zuvor. Wir erwarten auch in 2010 noch eine starke Nachfrage und hoffen, das der Friede in viele Haushalte Einzug nehmen wird. Wir sind auf jeden Fall sehr daran interessiert! Weiterhin bedauern wir, dass wir Sie nicht direkt mit Frieden beliefern können, da wir lediglich Großhändler sind und ausschließlich unsere Fachhändler beliefern. In Berlin finden Sie allerdings auch eine Auswahl dieser Fachgeschäfte, die Sie dann auch entsprechend kompetent beraten und Auskunft geben können. Zum Schluss noch etwas schönes: Wir haben ein Freikontingent an Frieden, den wir gerade zur Weihnachtszeit per Post verschicken können und dies möchten wir auf diesem Wege tun: Wir wünschen Ihnen ein FRIEDLICHES Weihnachtsfest und viel Erfolg beim Erhalten des FRIEDENS in 2010. Ihr LEONARDO Team

Dieser ironische Brief wirft viele Fragen auf, wenn man ihn wörtlich nimmt. Die ersten Zeilen machen Hoffnung, denn etwas, was ausverkauft ist, war zuvor auch einmal zu erwerben! Auch der Zusatz, dass Frieden in 2010 wieder zurück erwartet wird, nährt meine Zuversicht! Der Mittelteil des Briefes allerdings ist enttäuschend, denn dort steht eindeutig, dass sie mich nicht direkt mit Frieden beliefern können. Auch der Verweis auf die Fachgeschäfte kann die anfängliche Hoffnung kaum zurückholen, wird doch nicht erwähnt, wo diese Geschäfte genau sind. Meine Bitte nach einer entsprechenden Preisliste blieb unbeachtet. Wie teuer der Frieden war, der nun ausverkauft ist, geht aus dem Brief leider nicht hervor. Es wäre doch anzunehmen, dass der Preis für 2010 sich am Preis vom Vorjahr orientiert. Der Schluss des Schreibens wiederum holt die anfängliche Hoffnung zurück. Der ernst gemeinte Wunsch nach Frieden für einen anderen Menschen, in diesem Fall für mich, stellt in gewisser Weise Frieden dar. Zudem wirft der Brief indirekt eine wichtige Frage auf: Wie wichtig ist es, Hoffnung auf Frieden zu haben? Es wird auch darauf hingewiesen, dass das, was zum Kauf angeboten wird, auch immer eine Sache von Angebot und Nachfrage ist. Würden täglich Anfragen nach Frieden verzeichnet werden, würde dann auch das Angebot steigen?

Am 14.12.09, um 10:48 Uhr schrieb mir Herr E. S. von der Blume 2000 New Media AG folgende e-Mail:

Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank für Ihr Schreiben vom 8.12.2009 und Ihre Anfrage zum Thema Frieden. Sicherlich haben Sie es schon geahnt: auch wir verkaufen keinen Frieden. Wir sind hier aber alle sehr friedlich. Aber das hilft vermutlich auch nur sehr begrenzt. Die Nachfrage nach Frieden bei uns ist sehr übersichtlich. Ehrlich gesagt sind Sie der erste Nachfrager. Eine spontane Befragung bei Kollegen und Mitarbeitern haben als mögliche Anlaufquellen die UNO und die Kirche hervorgebracht. Friedensstifter sozusagen. Persönlich kann ich Ihnen „meinen“ Gemeindepfarrer empfehlen: Herrn Pastor H. P. (Ev.-luth. Kirche […]). Ich hoffe Ihnen mit dieser Auskunft weiter geholfen zu haben und wünsche Ihnen und uns gutes Gelingen für Ihre Projekte und eine friedliche Weihnachtszeit. Es grüßt Sie friedlich aus Norderstedt, E. S. Vorstand Blume 2000 new media ag

Ebenfalls am 14.12.09, allerdings um 14:15 Uhr erhielt ich zudem eine e-Mail von Frau M. S. vom Mitras Magic Market Team:

Lieber Herr Meyer, vielen Dank für Ihren Brief. Frieden ist nicht käuflich. Zumindest nicht wahrer Frieden, der nur „innen“ gefunden werden kann, das heißt, Ihren Frieden finden Sie nur in sich selbst, in der Stille des eigenen Bewußtseins. Hierzu gibt es diverse Hilfen, wie zB Meditation, das Sein mit einem Meister, die Kunst… Da der denkende Verstand (das Ego) sehr laut ist, benötigen eigentlich alle wahrhaftig Suchenden einen Meister, der bereits dort angekommen ist, in der Stille des eigenen Selbst. (Gott) Einer der wenigen, die ich kenne, ist OM C. Parkin aus Hamburg, der ernsthafte Fragen durchaus beantwortet. Friedliche Weihnachten! M. S. vom Mitras Team

Die Antworten vom 14.12.09 stecken voller konkreter Hilfsangebote, den Frieden betreffend, vielen Dank dafür! Und diese Angebote werfen die Frage auf: Wer kann Friedensstifter sein? Es liegt mir fern, die hier genanten Angebote, die UNO, die Kirche, auch den empfohlenen Pastor oder Meister, zu beurteilen. Stattdessen möchte ich auf zwei Sätze aus dem Schreiben von Herrn E. S. vom Vorstand der Blume 2000 New Media AG eingehen, die sehr ironisch daherkommen. „Wir sind hier aber alle sehr friedlich. Aber das hilft vermutlich auch nur sehr begrenzt.“ In wieweit ist eine solche Gruppe, auch wenn sie ihre Grenzen haben mag, auch in der Lage Friedensstifter zu sein?

Am 15.12.09 habe ich zwei Briefe erhalten. Der erste ist von A. H. vom Lichtblicke e.V. – Weil Menschen Hoffnung brauchen. Er schrieb folgendes:

Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir freuen uns, Ihnen eine positive Rückmeldung geben zu können: Wir haben Frieden im Sortiment, erhältlich ab 1.- Euro. Produktbeschreibung: Friede stammt von dem indogermanischen Wort „pri“ ab und bedeutet soviel wie „lieben“. Wer Geld spendet, weil er Menschen – insbesondere Kinder – liebt, spendet also Frieden. Friede als Lichtblick in der Hoffnungslosigkeit, in der Not, in der Armut. Wir hoffen, unser Angebot sagt Ihnen zu und Sie entscheiden sich für unser Produkt. Bitte beachten Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen: Wir geben keine Garantie oder Gewährleistung. Denn: „Wer im Herzen keinen Frieden hat, der hat ihn auch nicht außen.“ (Johann Geiler von Kaysersberg, Das Seelenparadies) Ihnen einen besinnlichen Advent und ein friedliches Weihnachtsfest. Mit freundlichen Grüßen A. H.

Das zweite Schreiben schickte mir Frau N. K., der ExxonMobil Central Europe Holding GmbH:

Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank für Ihr Schreiben vom 08. Oktober 2009. Um Ihre Suche nach ihrem persönlichen Frieden, sowie dem Frieden für eine ganze Gemeinschaft zu unterstützen schicken wir Ihnen unseren Corporate Citizenship Report. Dort sehen Sie wie wir uns als Unternehmen für die Gesellschaft engagieren und versuchen so vielen Menschen wie möglich ein Leben zu ermöglichen, das von persönlichem Frieden geprägt ist. Wir engagieren uns in den Bereichen Umweltschutz, Arbeitsumfeld, Unternehmensführung, Transparenz und Schutz der Menschenrechte sowie im Bereich des gesellschaftlichen Engagements, um so verantwortungsbewusst wie möglich zu agieren und unser Unternehmen zu einem besseren Arbeitgeber und Nachbarn zu machen. Kaufen können Sie den Frieden bei uns leider nicht, doch ich hoffe, dass wir Sie mit unserem Corporate Citizenship Report inspirieren und Ihnen Anregungen liefern können, wie Sie durch verantwortliches Handeln Ihren persönlichen Frieden finden können. Wir hoffen, dass wir Ihnen weiterhelfen konnten und wünschen Ihnen bei Ihrem Vorhaben weiterhin viel Glück! Mit freundlichen Gruß, ExxonMobil Central Europe Holding GmbH – Presse und Information, N. K.

Eventuell geht es Ihnen beim Lesen dieser Briefe ähnlich wie mir. Verständlicherweise scheinen sich allmählich einige Ansätze zu wiederholen. Ich werde im Folgenden versuchen, nur die den Frieden betreffenden neuen Aspekte herauszufiltern und den Rest wortlos und wertfrei so stehen lassen. Das Schreiben von Herrn A. H. vom Lichtblicke e. V. wirft die Frage auf: Ist es möglich eine Garantie oder Gewährleistung, den Frieden betreffend, zu geben? Und wenn ja, wer hat diese Möglichkeit? Frau N. K. der ExxonMobil Central Europe Holding GmbH bringt neue Begriffe ein, die für die Frage „Wie können wir Frieden schaffen“ von großer Bedeutung sind. Sie schreibt, dass Frieden in Zusammenhang mit verantwortlichem Handeln steht. Vielleicht hilft es, wenn wir die Frage konkretisieren und fragen: Wie müssen die Menschen handeln, damit Frieden (garantiert) Realität wird? An dieser Stelle möchte ich mich für den von Frau N. K. mitgeschickten Bericht bedanken. Auch wenn ich es nicht als meine Aufgabe sehe, im Zusammenhang mit meiner Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ den Bericht hier im Detail inhaltlich wiederzugeben, liegt es mir dennoch fern ihn unbeachtet zu lassen. Vielmehr möchte ich das Schreiben zum Anlass nehmen hieran eine weitere Reihe von Fragen, den Frieden betreffend, zu stellen. Wie handelt ein Mensch verantwortlich, um seinen persönlichen Frieden zu gewährleisten? Wie handelt eine Menschengruppe verantwortlich, um den Frieden der Gruppe zu gewährleisten? Wie handelt die Gesamtheit aller Menschen verantwortlich, um den Frieden der Menschheit zu gewährleisten?

Am 16.12.09 erhielt ich folgendes Schreiben von Herrn R. P., der Geschäftsleitung von Möbel-Hübner:

Sehr geehrter Herr Meyer, wir nehmen Bezug auf Ihre Anfrage vom 08.12.09 und teilen hierzu mit, dass wir nur eine spezielle Form von Frieden verkaufen. Es handelt sich um den – auch sehr wichtigen – häuslichen Frieden, der sich durch die Anschaffung neuer Möbel einstellt. Familiäre Auseinandersetzungen über neue Einrichtungswünsche enden in unserem Haus üblicherweise durch qualifizierte Beratung in einem Kauf, wodurch sich häuslicher Frieden ergibt. Frieden für die Gemeinschaft oder die ganze Welt können wir leider nicht anbieten, da das unseren Sortimentsrahmen sprenge würde. Wir empfehlen Ihnen, Ihre Anfrage an Barack Obama zu richten, der Ihnen in dieser Angelegenheit sicherlich eine befriedigendere Auskunft geben kann. Wir wünschen Ihnen friedvolle Weihnachten und ein friedliches Neues Jahr. Mit freundlichen Grüßen Möbel-Hübner Einrichtungshaus GmbH R.P.

Am 22.12.09 habe ich folgenden Brief, von Frau M. v. d. V. vom NUK Eltern-Service der MAPA GmbH, in meinem Briefkasten gefunden:

Viele Infos über NUK! Sehr geehrter Herr Meyer, bezug nehmend auf Ihr Schreiben vom 08.12.09 senden wir Ihnen gerne einen Imagekatalog. Diesem können Sie entnehmen, welche Produkte wir derzeit im Handel anbieten. Zusätzlich können Sie sich im Internet unter http://www.nuk.de zu den einzelnen Produkten informieren. Ob diese allerdings mit dem Begriff „Frieden“ in direkte Verbindung gebracht werden können, erscheint uns zumindest fragwürdig. Wie die Bezeichnung „pacifier“ auf unserer Exportware aussagt, bedeutet der Gebrauch unserer Beruhigungssauger sicherlich für die Säuglinge und Kleinkinder ein wenig „Frieden“, und im weitesten Sinne auch für die Eltern. So gesehen verkaufen wir ein wenig „Frieden“. Gerne senden wir ihnen anbei eine Packung dieser Beruhigungssauger und verbleiben mit freundlichen Grüßen im Auftrag M. v. d. V. NUK-Elternservice. Anlage: Informationsmaterial, 2 Original Orthodonic Pacifier

Es ist erstaunlich – ich frage nach dem Kauf von Frieden und bekomme zwei Schnuller zugeschickt! Ich habe keine eigenen Kinder und kann sie daher als Erwachsener kaum gebrauchen. Es liegt mir sehr fern, mich mit Hilfe von Schnullern in bereits durchlebte und weit zurückliegende Phasen meines eigenen Aufwachsen zurückzuversetzen. Daher nutze ich lieber die Gelegenheit, um folgende Fragen zu formulieren: Wie könnte ein Beruhigungssauger für erwachsene Menschen aussehen, der in der Lage ist, die Menschheit derart zu beruhigen, dass jeder einzelne von uns daraus folgend ernsthaft an die Chance auf Weltfrieden glauben muss? Und weiter: Wie wichtig ist der Glaube daran, dass Weltfrieden möglich ist, für die tatsächliche Anwesenheit einer globalen Situation, die als Weltfrieden bezeichnet werden kann? Kinder und Erwachsene dürften einen unterschiedlichen Glauben auf die Aussicht auf das Vorhandensein von Weltfrieden haben. Ein erwachsener Mensch, der offen darüber spricht, dass er an die Möglichkeit der Existenz von Weltfrieden glaubt, wird leicht als naiv abgestempelt. Vielleicht zu Recht? Vielleicht zu Unrecht? Jeder Mensch kann für sich Optionen ein- und ausschließen. Er muss prüfen, wie leicht oder schwer der jeweilige Ein- oder Ausschluss bestimmter Möglichkeiten für ihn ist. Man könnte es auch als leichtgläubig bezeichnen, zu meinen, mit kriegerischen Mitteln ernsthaft etwas bewirken zu können, was Frieden schafft. Krieg schließt die Wahrscheinlichkeit, dass es Todesopfer geben könnte, nicht aus. Ein Frieden, der Tote zu beklagen hat, ist, wenn er überhaupt als Frieden angesehen werden kann, wahrscheinlich ein zweifelhafter.

Am 25.12.09 bekam ich folgenden Brief von Frau A. N. von H&M:

Sehr geehrter Herr Meyer, Sie stellen uns eine gute Frage „Kann ich bei Ihnen Frieden kaufen?“. Gerade zu dieser Jahreszeit scheint sie aktueller denn je. Frieden im Sinne der Stille und Ruhe für Körper und Geist kann Ihnen niemand verkaufen. Dennoch sagt man Mode nach, dass sich ein zufriedener Zustand nach einem ausgiebigen Einkaufsbummel einstellen könnte. Probieren Sie es doch mal in den 28 H&M Geschäften in Berlin aus, in welchen H&M Mode für den Mann angeboten wird. Friedliche Grüße und ein besinnliches Weihnachtsfest A. N.

Am 30.12.09 schrieb mir Frau A. Z. von der HiPP GmbH & Co. Vertrieb KG folgendes:

Sehr geehrter Herr Meyer, schön, dass Sie sich für unser Unternehmen interessieren. Unser Beitrag zum Frieden ist gegeben, da wir in unserem Unternehmen im „Einklang mit der Natur“ arbeiten und er spiegelt sich am Besten in unserer Unternehmensphilosophie wieder! Lesen Sie hier einen Auszug aus unserer Homepage: Unternehmensphilosophie und Ethik-Management. Das Unternehmen HiPP steht seit über fünf Jahrzehnten für eine bewusste und sensible Auseinandersetzung mit den Themen Natur, Mensch, und Wirtschaft. So verbürgt sich Claus Hipp seit jeher persönlich für die Qualität der Produkte des Hauses. In den vergangenen Jahren mehrten sich die Diskussionen über den allgemeinen Werteverfall in der Gesellschaft. Speziell in der weltweiten Wirtschaft spricht man verstärkt über die Auswirkungen von kurzfristiger Kapitalorientiertheit, fehlender Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und der Gesellschaft sowie nicht existenten Ethik und Moralwerten. Diese Entwicklung nahm das Unternehmen, welches bewusst in christlicher Tradition steht, zum Anlass, im Jahr 1999 ein internes Ethik-Management einzuführen, um verbreiteten Ansicht bewusst aktiv entgegenzutretten. Wenn Sie gerne mehr erfahren möchten, unter http://www.hipp.8de/index.php?id=418 können Sie nachlesen über die Philosophie, die unser Unternehmen und unsere Mitarbeiter als Basis ihres Handels verinnerlicht haben. Zusätzlich informieren wir Sie über das Prinzip und die Inhalte unseres Ethik-Managements. Unsere Unternehmensbroschüre lege ich gerne für Sie bei. Ich wünsche Ihnen ein gutes und vor allem friedliches neues Jahr 2010! Herzliche Grüße aus Pfaffenhofen, HiPP GmbH & Co. Vertrieb KG A

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Ich möchte mich sehr herzlich bei allen gleichermaßen bedanken, die sich die Mühe gemacht haben, über meine Kundenanfrage nachzudenken! Und schon jetzt auch bei denen, die es vielleicht noch tun werden, auch ohne eine direkte Anfrage meinerseits erhalten zu haben.

Kann man Frieden aus Automaten beziehen?

Diese Frage hat zweifellos einen starken Bezug zu der ersten Version der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“. Zurzeit müsste man diese Frage wohl mit nein beantworten, zumindest ist mir kein Automat bekannt, der Frieden anbietet. Es mag für das menschliche Gehirn schwierig sein, sich vorzustellen, dass ein solcher Automat existiert. Vielmehr ist es dem Anschein nach ein Ding der Unmöglichkeit, einen derartigen Apparat zu entwickeln. Was wir denken, nicht schaffen zu können, mögen wir uns auch nur widerwillig vorstellen. Dennoch möchte ich Sie bitten sich auf ein kleines Gedankenspiel einzulassen. Versuchen Sie sich einen Plan vorzustellen, für den Bau eines Friedensautomaten. Wenn es Ihnen leichter fällt, räumen Sie für sich die Möglichkeit ein, dass Ihr Friedensautomat seine Macken hat. Vielleicht entwickeln Sie eine Maschine, die an sich zwar solide gebaut ist, aber dennoch manchmal ausfällt und ihre Aufgabe nicht erfüllt. Oder sie arbeitet einwandfrei, aber nur sehr langsam. So bedächtig, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, um das Ergebnis zu begutachten. Diese Schwachstellen vorweggenommen erscheint es Ihnen vielleicht etwas einfacher, sich auf die Konzeption eines Friedensautomaten einzulassen. Das soll natürlich nicht heißen, dass man von Anfang an ohne Gewissenhaftigkeit arbeitet und sich insgeheim gar keinen funktionierenden Automaten wünscht, denn dann kann das Ergebnis nur unbefriedigend ausfallen. Wenn wir uns andere Automaten anschauen, fällt eines schnell auf. Typischerweise ist es so, dass man etwas in etwas – meist eine Klappe oder einen Schlitz hinein gibt, einige Knöpfe drückt und dann etwas Anderes dafür erhält. Zudem sind die Entwickler bemüht, die Bedienung des Automaten so einfach wie möglich zu halten. Die meisten Automaten sind so klein wie möglich und so groß wie nötig. OLYMPUS DIGITAL CAMERAÜbertragen wir dies auf die Entwicklung unseres Friedensautomaten steht eigentlich nur fest, was am Ende dabei herauskommen soll – Frieden. Und das ist eine vielschichtige Herausforderung, wie wir zuvor feststellen konnten. Es bleibt die Frage offen, womit man den Automaten füttern könnte, damit am Ende Frieden dabei herauskommt. Vielleicht kennen Sie die Art von Maschinen, die ein Geldstück in ein Souvenir verwandeln? Man, meist ein Tourist, wirft ein kleines Geldstück in den Automaten und eine weitere – vom Betrag höhere Münze – als Bezahlung dazu. Dann muss man mit Muskelkraft an einer Kurbel drehen und presst so das kleinere Geldstück zu einem ansehnlichen Erinnerungsstück an den Ort, an dem man sich gerade befindet. Das ist natürlich etwas anderes, als zum Beispiel einen Kontoauszug aus dem Bankautomaten zu ziehen. Die Plastikkarte dient in erster Linie zur Identifizierung und die Informationen, die ich bekomme, sind nur für mich persönlich bestimmt. Der Tourist zahlt für ein Erinnerungsstück, wie es jeder haben kann. Anders als der Bankbesucher, gibt er zudem Material in den Apparat hinein, das dann verformt wird. Und er setzt seine Muskelkraft ein, was ihm mehr abverlangt als ein müheloserer Knopfdruck. Es stellen sich also mehrere Fragen, die unserer Entwicklung für den Bauplan eines Friedensautomaten behilflich sein könnten: Für wen soll der Frieden sein, der am Ende aus dem zu entwickelnden Automaten kommen soll? Soll es sich um einen eher persönlichen Frieden handeln oder um einen allgemeinen, für jedermann gleichen Frieden? Wem steht Frieden zu? Was muss alles in den Automaten hinein, damit am Ende Frieden entsteht? Wie viel Kraftaufwand sind wir in der Lage und willens zu geben, um die Funktionsfähigkeit des Friedensautomaten zu gewährleisten? Was würde es nützen, das Material – in Form der kleinen Münze – in die Maschine zu werfen, dann noch das Geld für das Souvenir zu zahlen, wenn man nicht die Kraft aufbringen kann oder will, die Kurbel zu drehen?

Wer oder was hat die Möglichkeit Frieden zu geben?

Stellen wir Überlegungen, den Frieden betreffend, an, so denkt manch einer vielleicht spontan an seinen eigenen Glauben, wenn er denn einen bestimmten Glauben hat. Das haben teilweise auch die Antworten auf die von mir verschickten Kundenanfragen gezeigt. Für diese Menschen wird die Haltung zum Thema Frieden der Glaubensgemeinschaft, mit der sie sich verbunden fühlen, verständlicherweise nicht unbedeutend sein. Es ist an anderer Stelle ausführlich nachzulesen, dass und wie sich verschiedene Religionen mit dem Frieden beschäftigen. Viele Menschen fühlen sich einer der zahlreich existierenden Glaubensgemeinschaften angehörig. Andere wiederum wollen oder können sich nicht zu einer dieser Gemeinschaften bekennen, was nicht zwangsläufig heißen muss, dass sie keinen Glauben haben. Eine Diskussion darüber, welche Religionen ihren Anhängern mehr Friedfertigkeit ermöglichen als andere, halte ich im Kontext meiner Arbeit für nebensächlich. Denn es kann nicht nur um die Frage der Religionszugehörigkeit gehen, wenn wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie Frieden zu schaffen ist. Wichtiger ist die Frage: Haben die Menschen das Vermögen, friedfertig zu sein? Und, wenn die Antwort nein ist, können die Menschen Friedfertigkeit lernen?

Was passiert, wenn man einem Menschen Frieden wünscht und wie wird dieser Frieden verstanden?

Die fünfte Version meiner Arbeit ist der Versuch, mögliche Antworten auf diese Frage zu bekommen. Folgenden Menschen habe ich einen roten Ball zugeschickt und ihnen damit verbunden Frieden gewünscht. In alphabetischer Reihenfolge:

Josef Ackermann, Dieter Bohlen, Sabine Christiansen, Georgette Dee, Katja Ebstein, Herbert Feuerstein, Tendzin Gyatsho, Nina Hagen, Maybritt Illner, Günther Jauch, Margot Käßmann, Joachim Löw, Angela Merkel, Dirk Nowitzky, Barack Obama, Roman Passarge, Stefan Quandt, Claudia Roth, Friedemann Schulz von Thun, Tom Tykwer, Georg Uecker, Rolando Villazón, Fred Alan Wolf, Ranga Yogeshwar, Rolf Zuckowski

Es ist offensichtlich, dass die angeschriebenen Personen alle einen prominenten Platz in der Gesellschaft einnehmen. Wie verstehen die Einzelnen den Begriff Frieden? Hat man eine andere, womöglich eine größere Verantwortung für den Frieden, wenn man in der Öffentlichkeit steht? Wird diese Verantwortung obendrein verstärkt, wenn man eine politische Position inne hat? Die fünfte Version der Arbeit „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ hebt zahlreiche Fragen in den Fokus der Betrachtung. Einen Friedenswunsch an jemanden zu richten, gleich ob dieser Mensch in der Öffentlichkeit bekannt ist oder nicht, kann sich auf seine momentane innere Lebenssituation beziehen und/oder auf seine Außenwelt. Wie wirkt sich ein bewusster Friedenswunsch aus? Wie schaffen die Reaktionen einen möglichen Diskursraum für eine Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden? Ist Frieden gar nur ein Konzept der Naiven und Idealisten? Mein Friedenswunsch für die oben genanten Menschen ist für jeden Einzelnen gleichermaßen stark und unterliegt keiner Hierarchie. So erschien es mir sinnvoll, einen Brief mit identischem Inhalt für alle zu verfassen:

Berlin, den 28.06.10. Betreff: Der Frieden ist (k)ein roter Ball. Mit der Bitte um Weiterleitung für den Fall, dass Sie nicht die angeschriebene Person sind! Sehr geehrte/r Frau/Herr… mit diesem Schreiben möchte ich Sie auf mein Kunstexperiment „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ aufmerksam machen. Die Arbeit wirft eine Reihe von Fragen den Frieden betreffend auf. Die zwei aktuellsten Fragen lauten: Hat man eine andere, womöglich eine größere Verantwortung für den Frieden, wenn man in der Öffentlichkeit steht? Wird diese Verantwortung obendrein verstärkt, wenn man eine politische Position inne hat? Doch die Frage, wie der Begriff Frieden von Ihnen verstanden und inhaltlich besetzt wird, ist ebenso wichtig. Assoziieren Sie den Begriff primär mit Ihren inneren, privaten Lebenszusammenhängen oder den äußeren, sozialen und politischen? Über mögliche Antworten – auch unfertige Gedankenanstöße Ihrerseits – wäre ich sehr dankbar. Den Verlauf der Aktion dokumentiere ich im Internet unter http://www.stevemeyer.de. Für Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich gerne auch persönlich zur Verfügung. Unabhängig von einer Antwort auf mein Schreiben, schenke ich Ihnen den mitgeschickten, in Handarbeit bemalten und mit dem Wort „Frieden“ beschrifteten Ball. Hiermit möchte ich die Möglichkeit wahrnehmen, Ihnen auf diesem Weg Frieden zu wünschen! Mit herzlichen Grüßen Steve Meyer

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Am 05.07.2010, um 11:51 Uhr, schrieb mir Frau R. S. von der Dirk Nowitzki Stiftung folgende Nachricht per e-Mail:

Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank für Ihre Informationen und Ihre Einladung, Herrn Nowitzki an Ihren Friedensgedanken teilhaben zu lassen. Aufgrund der Vielzahl von Anfragen können wir Ihrem Wunsch leider nicht nachkommen, auch wenn die Idee sehr überzeugend und wichtig ist. Bitte haben Sie hierfür Verständnis. Für Ihre Aktion wünschen wir Ihnen viel Erfolg. Mit den besten Grüßen aus der Stiftung R. S.

Am 13.07.2010, bekam ich ein Packet von Herrn Dr. J. A., einem Mitarbeiter der Familie Quandt. In dem Paket wurde der von mir mitgeschickte Friedensball In Originalverpackung zurückgesandt. Zudem erhielt ich eine Karte auf der folgender Text stand:

Vielen Dank für Ihr Schreiben, das Herr Quandt persönlich gelesen und zur Kenntnis genommen hat. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihr Anliegen nicht berücksichtigen können. Mit freundlichen Grüßen Dr. J. A. Persönlicher Referent der Familie Quandt

Am 22.07.2010 schrieb mir Frau S. M. folgenden Brief:

Sehr geehrter Herr Meyer, Landesbischöfin a. D. Dr. Käßmann bat mich, da sie leider zurzeit sehr viel außer Haus unterwegs ist, Ihnen ihren herzlichen Dank für Ihr Schreiben und die Zusendung des schönen Balls zu übermitteln. Sie hat sich sehr darüber gefreut und bittet Sie freundlich um Verständnis, dass sie inmitten bereits gepackter Umzugskisten in ihren Aufbruch- und Abschlussarbeiten in der Kanzlei im Moment leider keine Zeit findet, Ihnen eine angemessene Rückmeldung auf Ihre Fragen zu geben. Darüber wollte sie Sie jedoch nicht im Unklaren lassen und bat mich, Ihnen wenigstens diese kurze Nachricht zu schicken. Frau Dr. Käßmann lässt Sie freundlich Grüßen und wünscht Ihnen auch für Ihre weitere Arbeit alles Gute und Gottes Segen. Freundlich grüßt Sie Pastorin S. M. Persönliche Referentin der Bischofskanzlei der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

Am 24.07.2010 schickte mir Rolf Zuckowski mein Schreiben, mit folgendem handgeschriebenem Zusatz, zurück:

Mit friedensbewegten Grüßen zurück… Der „kleine Frieden“ möchte in jedem von uns geborgen sein. Ihn zu behüten, ihn weiter zu geben, zieht Kreise die wir aus dem Auge verlieren. Dennoch kann der „große Frieden“ nur im kleinen geboren werden. Rolf Zuckowski 24.7.2010

Am 16.08.2010 schrieb mir Frau Georgette Dee drei unterschiedlichen Postkarten mit folgendem Inhalt:

Frieden I: „Gutsein endet ja doch meistens damit das Einer dem Anderen sagt was er tun soll.“ G. Dee oder wie P. P. Pasolini sagte: „Das Erinnerungsvermögen des Menschen reicht nicht weiter als eine Generation.“
Frieden II: „Frieden braucht Freiheit und Freiheit braucht Kampf.“ „…manchmal reicht schon friedlich…“ „Im Muster unserer Gesellschaft hat sich ein Webfehler breit gemacht: Unsterblichkeitswahn.“
Frieden III: „Frieden kann nur im Inneren beginnen, alles Andere ist blinder Aktionismus.“ „Wer Frieden mit seiner Sterblichkeit geschlossen hat, kann in Freiheit leben. – ich übe noch!“ Lieben Gruß Georgette Dee PS: Bin ein NICHT – Internet – USER

Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß diese Internetseite nicht in der Lage ist, das Kunstexperiment „Der Frieden ist (k)ein roter Ball“ bis ins letzte Detail zu präsentieren. Sollten Sie den Wunsch haben, zum Beispiel die Postkarten von Frau Dee zu betrachten oder mit mir über die Gegebenheiten am Rande der verschiedenen Versionen der Arbeit zu sprechen, können Sie mich gerne kontaktieren!

Ich danke allen Leserinnen und Lesern für das Interesse an dem soeben beschriebenen Kunstexperiment. Ich freue mich, wenn Sie mein Projekt „Der Frieden ist (k)ein roter Ball 1-5“ dazu angeregt hat, über die hier gestellten Fragen weiter nachzudenken und wenn Sie zudem Lust bekommen haben, Ihre Gedanken mit den unterschiedlichsten Menschen zu teilen und gemeinsam über das Thema Frieden zu diskutieren. Vielleicht verspüren Sie ja auch den Wunsch das Experiment selbst zu versuchen? Nur zu – trotz und gerade, weil der Frieden (k)ein roter Ball ist!

Ihr Steve Meyer

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